05.04.2012: 40 jahre anker-gottes-kirche laboe
Palmsonntag 2012, Laboe Jesaja 50, 4-9
gnade sei mit euch
und friede
von gott unserem vater
und dem herrn jesus christus
amen
der predigttext für den heutigen sonntag
steht beim propheten jesaja
im 50. kapitel
dort heißt es
4 Gott der HERR hat mir eine Zunge gegeben, wie sie Jünger haben, dass ich wisse, mit den Müden zu rechter Zeit zu reden. Alle Morgen weckt er mir das Ohr, dass ich höre, wie Jünger hören.
5 Gott der HERR hat mir das Ohr geöffnet. Und ich bin nicht ungehorsam und weiche nicht zurück.
6 Ich bot meinen Rücken dar denen, die mich schlugen, und meine Wangen denen, die mich rauften. Mein Angesicht verbarg ich nicht vor Schmach und Speichel.
7 Aber Gott der HERR hilft mir, darum werde ich nicht zuschanden. Darum hab ich mein Angesicht hart gemacht wie einen Kieselstein; denn ich weiß, dass ich nicht zuschanden werde.
8 Er ist nahe, der mich gerecht spricht; wer will mit mir rechten? Lasst uns zusammen vortreten! Wer will mein Recht anfechten? Der komme her zu mir!
9 Siehe, Gott der HERR hilft mir; wer will mich verdammen? Siehe, sie alle werden wie Kleider zerfallen, die die Motten fressen.
liebe schwestern und brüder
das morgenlied von jochen klepper fällt mir
bei diesem jesajawort
als erstes ein
er weckt mich alle morgen
er weckt mir selbst das ohr
wir werden es gleich
im anschluss an die predigt
singen
der prophet jesaja erinnert uns
das hören ist immer das erste
selig sind
die gottes wort hören und bewahren
wird jesus
500 jahre nach jesaja
seinen jüngern ins stammbuch schreiben
allein über diese kurze bemerkung ließe sich eine
lange
predigt halten
über die frage
sind wir überhaupt noch in der lage zu hören
können wir noch schweigen und hören
auf die stimme gottes
auf die stimme einer gesprächspartnerin warten
bis sie zu uns spricht
stattdessen
wir
auch wir pastoren
reden gern und viel
oftmals wird aus dem reden gerede
wir quatschen ununterbrochen
logorrhoe nennt man so etwas
also so etwas wie rede-durchfall
und das ist nicht nur eine berufs-
sondern eine gesellschaftskrankheit
eine krankheit unserer zeit
man wird müde bei all dem geschwätz
tagein tagaus
in talkshowrunden und expertenkommentaren
in den hysterischen balkenüberschriften der bild-zeitung
oder den aufgeregten nachrichten in fernsehen und radio
stattdessen
wenn wir uns wirklich sorgen um diese gesellschaft
um diese welt
um diese kirche
dann heißt die wichtigste und erste erkenntnis
wir müssen
vor allen lösungsvorschlägen und rettungsplänen
zunächst zurückkehren zum hören
hören ist das erste
und das wichtigste
und kirchen müssen
an allererster stelle
wieder zu orten des hörens werden
nicht zu orten des events
oder der gut inszenierten sacroshow
sondern zu orten des hörens
auf gottes wort
auf gottes heiligen geist
auf die stimmen der leidenden
auf die stimmen der verfolgten
im kloster taizé wird das sehr ernst genommen
da gibt es keine predigt im gottesdienst
stattdessen eine jeweils 10minütige stille
damit
im lärm der zeit
die leise stimme gottes
endlich
wieder hörbar werde
wie wichtig das hören ist
das habe ich vor jahren von einem freund erfahren
als blindgeborener sagte er zu mir
ich bin dankbar hören zu dürfen
nicht hören zu können
das muss schlimmer sein als blindheit
denn es würde mich ausschließen von der musik
und von meinen mitmenschen
das hören ist also immer das erste
gott öffnet mir selbst das ohr
gott gibt sich zu erkennen
und sucht meine nähe
so ist diese anker-gottes-kirche in laboe
seit 40 jahren
ein ort des hörens
wie gut dass es solche orte gibt
aus dem hören kommt der gehorsam
das ist unmodernes wort
das hat schon lange keine konjunktur mehr
das wort ist so schreckllich missbraucht worden in vergangener zeit
und dennoch
zusammen mit diesem wort
ist uns etwas wichtiges
verlorengegangen
gehorsam
das kommt von hören
ich höre was gott mir aufträgt
und ich entziehe mich nicht
auch wenn ich mich gern verweigern würde
natürlich
gottesbegegnungen sind anstrengend
zumindest die ernsthaften
viele meinen ja das sei alles ganz einfach
so ein bißchen gott
so ein bißchen nächstenliebe und frieden
räucherstäbchen esoterik und dalai lama
aber das ist unfug
das ist noch keine gottesbegegnung
eine gottesbegegnung hat
in erster linie mit dem hören zu tun
und danach mit dem folgen
mit gehorsam
und das ist anstrengend
da kommt keiner ohne auftrag davon
auch wenn er den auftrag gar nicht haben will
von mose elia jesaja jeremia jona
bis zu vielen haupt- und ehrenamtlichen heutiger zeit
die haben sich nicht danach gedrängt
von gott beauftragt zu werden
und doch
irgendwie kamen sie nicht mehr los davon
kirche
auch diese anker-gottes-kirche zu laboe
ist
darum
nicht nur ein ort des hörens
sondern
auch ein ort der beauftragung
das ist nun der auftrag
die müden soll der prophet ermutigen
die bewusstlosen wecken
das ist nicht ungefährlich
denn die wollen ja vielleicht viel lieber schlafen
der prophet
damals im babylonischen exil
der hat damit schlechte erfahrungen gemacht
die menschen waren mutlos
hatten
schon lange
keine hoffnung mehr auf zukunft und freiheit
waren depressiv geworden darüber
die psalmen aus dieser zeit sprechen eine beredte sprache
und dann kommt er
der prophet
mit lautem weckruf
tröstet tröstet mein volk
verkündet die freiheit
und das ende der knechtschaft
und was geschieht
kein dankbarer jubel
kein aufschrei der erleichterung
stattdessen spott und häme
gewaltsame gegenwehr
die menschen hatten sich ja kommod eingerichtet in ihrem elend
die wollten gar keine veränderung mehr
sie wollten leiden
und über ihr leiden jammern können
so geht es ja vielen auch heute
sie richten sich ein im elend
und tun sich leid
und wehe da kommt einer
und zeigt einen weg
dann heißt es
du nimmst mich nicht ernst
du verstehst mich nicht
du bist zynisch
aber
das ist unser auftrag als kirche
ruhestörenden lärm sollen wir machen
unbequem sollen wir sein
bruder frère roger
der gründer des
ökumenischen
klosters von taizé
der hatte sein leben unter zwei herausforderungen gestellt
kampf und kontemplation“
das waren seine leitworte
kampf – das war das handeln
das tun der gerechtigkeit
die offensive auseinandersetzung
der mut unbequem zu sein
kontemplation – das war das hören auf gottes wort
aus dem erst das handeln
und das reden
erwachsen können
wir wissen es
als kirche sitzen wir damit oft zwischen allen stühlen
aber
ist das nicht der ort an dem kirche überhaupt sein sollte
zwischen allen stühlen
die römer hatten ein schönes wort für das amt des priesters“
pontifex nannten sie ihn
auf deutsch brückenbauer
wer brücken bauen will sitzt
notgedrungen
immer zwischen allen stühlen
immerhin
da ist man dann
buchstäblich
mittendrin statt nur dabei
also
kirche
auch diese anker-gottes-kirche in laboe
ist
seit nunmehr 40 jahren
ein ort der einmischung
aber das ist ja kaum auszuhalten
angegriffen zu werden
auch übel angegriffen zu werden
auch deutlich unter der gürtellinie angegriffen zu werden
da kann mancher ein lied von singen
das tut weh
danach drängt sich niemand
die frage lautet darum
wie halte ich das aus?
zurückschlagen?
öffentliche rechtfertigung?
einstweilige verfügung?
der prophet macht hier eine klare vorgabe
ich wehre mich nicht
ich schlage nicht zurück
stattdessen
ich mache meine stirn hart wie einen kieselstein
beiße die zähne zusammen
und steh es durch
jesus würde es später so sagen
wenn dich einer auf die rechte backe schlägt
dann halte ihm auch die linke hin
gewaltverzicht als lebensprinzip
würde sich widerstandslos festnehmen lassen
in jener nacht von gethsemane
und
vor gericht
zu den vorwürfen der ankläger beharrlich schweigen
nicht einmal mit worten würde er sich verteidigen
woher nimmt er die kraft dazu?
woher nimmt er die kraft
sich überhaupt einzulassen auf diesen weg
schon beim einzug in jerusalem ist das ende vorgezeichnet
im gegensatz zu seinen jüngern
die
offensichtlich
begeistert den sturm auf den tempel planen
den jihad
die gründung des reiches gottes auf erden
begleitet und getragen von einer bettlerarmee
die den zug johlend eskortiert
jesus dagegen ist sich seiner lage vollkommen bewußt
das neue testament ist voll von hinweisen
wie nüchtern
wie illusionslos
jesus seine chancen einschätzt
wenn das weizenkorn nicht in die erde fällt und stirbt….
der menschensohn muss viel leiden…
die jünger haben das nie hören wollen
woher nimmt jesus die kraft
er weiß doch was ihn erwartet
die antwort ist simpel
er kann diesen weg nur gehen in dem tiefen vertrauen
dass sein leben in der hand gottes ruht
und
dass darum alles zu einem guten ende kommen muss
der prophet jesaja drückt das sehr herausfordernd aus
aber gott der herr hilft mir
darum werde ich nicht zuschanden
er ist nahe der mich gerecht spricht
wer will mich also verklagen
ha!
traut euch doch
ihr werdet schon sehen
wer am ende den kopf oben behält
jesaja ist nicht überheblich
aber ein trotziges selbstbewußtsein trägt ihn
und so wird auch jesus
am ende des prozesses vor pilatus
als er dann endlich doch redet
gelassen antworten
du hättest keine macht über mich
sie wäre dir nicht von oben herab gegeben
kirche
auch die anker-gottes-kirche in laboe
ist darum ein ort des trostes
ein ort der vergewisserung
die junge christliche kirche hat
schon sehr früh
dieses lied des propheten jesaja auf jesus christus bezogen
der auf gott hörende
der gehorsame
der gottes wort verkündete
zitat
der geist des herrn ruht auf mir
weil er mich gesalbt hat
zu verkündigen frohe botschaft den armen
zu predigen den gefangenen dass sie frei sein
den blinden dass sie sehen
und den zerschlagenen dass sie frei und ledig sein sollen
die reaktion:
spott
häme
schläge
tod
dennoch
allem widerstand und aller bosheit
selbst tödlicher gewalt zum trotz
ertrug er gewaltlos die gewalt
und überwand so
am ende
sogar den tod
aber davon wird erst in einer woche zu reden sein
ein fazit für uns heutige
- das hören ist das erste und wichtigste
- dann kommt der gehorsam dem gehörten zu folgen
- begeisterung wird es darüber keine geben, eher widerstand und häme
- das gilt es auszuhalten, gewaltlos, ohne gleiches mit gleichem zu vergelten
- denn: am ende steht der ostermorgen und gott selbst behält das letzte wort
amen
(Predigt Pastor Matthias Petersen)